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Wir stoppen die Abrisskultur!

Bauen im Bestand, Berücksichigung der Grauen Energie, Reduzierung des Flächenverbrauchs, Aufwertung der Provinz und des ländlichen Raumes als attraktive Alternative zu den Metropolen – das sind die Forderungen unserer Zeit an Architektur und Planung, an Stadt- und Regionalentwicklung. Erhalt und Förderung der Industriekultur lautet eine der Antworten.

In den industriellen Leerständen, insbesondere des Ostens, liegt ein enormes Potential nicht nur an Wohn- und Gewerberaum, sondern auch für die Attraktivität der Orte und Quartiere. Unter schönfärberischen Titeln wie „Flächenbereinigung“, „Regionalentwicklung“, „Brachenberäumung“ oder „Rückbau“ finanzieren EU und Bund jedoch bis heute mit enormen Beträgen den Abriss unseres industriekulturellen Erbes – selbst dort, wo diese prächtigen Architekturen keinem anderen Projekt im Wege sind. Hauptsache, sie sind weg.

Während das Umdenken in den Metropolen bereits stattfindet und die Industriearchitekturen dort als Hotpots des jungen und kreativen Lebens wieder aufleben können, kommt die Kunde vom Wert dieses baulichen Erbes im ländlichen Raum bis heute nur zögerlich an.

Die Verachtung der traditionellen Architektur ist ein deutsches Phänomen

Die Baukultur in Deutschland, vor allem im ländlichen Raum, ist an einem Nullpunkt angelangt. Die durch zwei verlorenen Weltkriege geprägte, spezifisch deutsche Verachtung baulicher Traditionen, der Fetisch der Moderne mit dem Ideal der bereinigten und sauberen Oberflächen, das Ideal der autogerechten Stadt, die Trennung der urbanen Funktionen, der fast vollständige Verlust des Handwerks und die kapitalistische Umwälzung des Bauwesens hin zu industriellen Verfahren und Materialien und – schließlich – das finanzielle Ausbluten der ländlichen Kommunen sowie der Braindrain aus ihren Verwaltungen ergeben eine tödliche Mischung für eine Baukultur, die Lebensqualität schafft.

Der Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Deutschen Architekturmuseums (DAM) in Frankfurt, Heinrich Klotz (1935-1999), gehört zu den bedeutendsten Stimmen in Deutschland, die die Besonderheit der deutschen Nachkriegs-Baukultur thematisierten. Er brachte es auf den Begriff, als er 1980 über die „gewollte Geschichtslosigkeit“ des deutschen Bauens schrieb:

Während in allen westlichen Ländern die Hinwendung zur Geschichte vollzogen wird, kommen in Deutschland besondere Voraussetzungen hinzu, die eine Einwilligung in das Verknüpfen von Geschichte und Gegenwart hemmen. Die gewaltsame Vertreibung der Avantgarde durch Hitler und ihre ausdrückliche Wiederkehr als Wiedergutmachung und Demokratiefanal nach dem Kriege ließ uns anders als anderswo am Versprechen dieser Moderne festhalten. Vor allem aber hat das Mißtrauen gegen die nationalistische Vergangenheit eine gewollte Geschichtslosigkeit provoziert.

Der Auseinandersetzung um die Postmoderne lag auch die sozialpsychologische Belastung einer Vergangenheitsbewältigung zugrunde, die uns nur immer hat vorwärts blicken lassen in der steten Hoffnung, daß die Zukunft und das Fortschreiten in die Zukunft hinein von Unschuld bestimmt sein könnte, wenn doch in der Vergangenheit die Schuld liegt. Geschichtsbewußtsein als Schuldbewußtsein ! Zukunftsbewußtsein als Befreiungsbewußtsein! Aus der Geschichtsfeindlichkeit wird am Ende eine besondere Art des Fortschrittsglaubens, der jede Korrektur am absolut gesetzten Fortschrittsbegriff sogleich als Fluchtbewegung entlarven möchte. Die Verbissenheit, mit der wir die alte Moderne verteidigt haben, ist nicht nur ideologisch, sondern hat psychopathologische Züge. Aus politisch-moralischen Gründen wird mit dem Verweis auf eine fortschrittliche Technik und auf soziale Verantwortung am Ende eine reaktionäre Ästhetik.
(Heinrich Klotz: Die Revision der Moderne - Postmoderne Architektur 1960-1980, Müchen 1984)

Mit anderen Worten: Nur was neu ist, ist gut und schön. Dieses Axiom ist so tief in die ästetische DNA der Deutschen eingeschrieben, dass sehr häufig weder Kosten noch Fragen der Nachhaltigkeit – von Fragen des Denkmalschutzes ganz zu schweigen – Berücksichtigkung finden. Kalkulationen und bauliche Analysen werden ausgerichtet auf das von vorrneherein feststehende Resultat:
Nur ein Neubau macht Sinn.

Die zerstörerischen Absicht der Ideologen der Moderne konnte dabei nahtlos und erfolgreich anknüpfen an die Verfemung von Ornament, Stuck, Jugendstil und Historismus als „entartet“ durch den deutschen Faschismus. Die Wirkungen dieser unseligen alliance von Moderne und Faschismus sind bis heute spürbar.

Der eigentliche Verlust ist der Verlust des handwerklichen Bauens

Mit der Bewahrung unseres baulichen Erbes, von der Romanik bis in die inzwischen ebenfalls patinierte Moderne der Nachkriegszeit, bewahren wir nicht nur vergangene Baustile und Denkmäler. Wir sichern das Erbe einer über jahrhunderte geprägten hochwertigen und handwerklichen Baukultur, die bereits jetzt nicht mehr existiert. Was wir heute bauen, ist nicht etwa nur eine weitere Stilepoche, die die Reihe von der Gotik über den Klassizismus bis zur Moderne fortsetzt. Was wir heute bauen, ist Wegwerfarchitektur, ganz unabhängig von ästhetischen Fragen. Nicht recyclefähiger Sondermüll ohne Bestand. Ausnahmen bestätigen die Regel.

Langsam nur entsteht das Bewußtsein, dass es so nicht weitergehen kann. Wie wir unsere Kirchen und Schlösser erhalten, auch wenn sie temporär ohne Nutzung sind, so müssen wir lernen, unsere gesamtes bauliches Erbe zu sichern und zu erhalten. Dem Schutz der Industriearchitekturen kommt hierbei eine besondere Aufgabe zu, denn keine Architektur ist in Deutschland so von Verachtung betroffen und so von Abriss bedroht wie die Zeugen des industriellen Aufbruchs Deutschlands von ca. 1800 bis 1950.

Die Initiative Industriekultur will unter der Domain www.kulturfabriken.eu all jenen, die Industriekultur erhalten, wiederherstellen und neu nutzen wollen, eine Plattform bieten. Zum Austausch und zur Präsentation, zur Beratung und Unterstützung, zur Ermunterung und zur Würdigung.

Zugunsten einer Kaffeehaus- und Craft-Bier-Kultur, modernen Wohnens im Loft und hinter alten Fenstern. Zugunsten eines wiederauflebenden Handwerks und gutem Essen, einer Sozio- und Start-up-Kultur und alternativer Wohnprojekte. Zugunsten vor allem einer Wiederbelebung des Ländlichen Raumes und der kleinen Städte als attraktive Alternative zu den Metropolen.

Judith Rüber | Dr. Jan Kobel
Arnstadt, Thüringen, den 8.10.2021

Foto oben:
Kammgarnspinnerei Wernshausen, Thüringen, des Architekten Karl Behlert (1870-1946). 2009 mit 3,6, Mio. Euro Fördermitteln abgerissen.
Foto unten:
Das brachliegende Gelände der ehemaligen Kammgarnspinnerei seit 2010.
(https://de.wikipedia.org/wiki/Kammgarnspinnerei_Wernshausen)